Protokoll vom 1.09.2016

13. Plenum GWÖ Hamburg

01.09.2016, 18.00 – 20.30 Uhr, Haus

15 TeilnehmerInnen

Protokoll: Johanna Ritter

 

TOP 1: Termine 2016

  • 08.09. GWÖ-Salon der AG Unternehmen zum Thema Ethik und Arbeit
  • 24.09. Christian Felber zu Gast im Rudolf-Steiner-Haus bei der Tagung des Buddhistischen Stadt-Zentrums e.V.
  • 28.09. GWÖ-Veranstaltung im Rahmen der Fairen Woche, 19 Uhr, Zimmerwerkstatt, zum Thema GWÖ-Bilanz für Privatpersonen
  • 29.09. Werkstattgespräch zum Thema Kooperation statt Wettbewerb der AG Unternehmen
  • 09.-15.10. Wandelwoche mit vielen Veranstaltungen der GWÖ Hamburg, Auftakt am 09.10. im Rudolf-Steiner-Haus, außerdem: GWÖ-Infoveranstaltung, Filmabend im Metropolis zum Thema Nachhaltiges Konsumieren, GWÖ-Brettspiel, GWÖ Lunch
  • 05./06.11. VHS-Kurs zum Thema “Geht Wirtschaft auch anders?” mit Manfred Jotter (AG Unternehmen)
  • 17.11. GWÖ-Salon der AG Unternehmen zum Thema Ethik und Gesellschaft
  • 25.11. Jahresbilanz und Ausblick der GWÖ Hamburg im Haus am Schüberg

Die GWÖ-Termine sind mit weiteren Informationen auch auf hamburg.gwoe.net veröffentlicht.

 

Top 2: Vortrag über die Regionalwert AG
Referent: Ulf Schönheim (Vorstand der Regionalwert AG Hamburg)

Die Regionalwert AG Hamburg ist eine eigenständige Bürger-AG in Norddeutschland. Sie wurde 2014 gegründet. Das Ziel der Regionalwert AG ist es, ökologische Landwirtschaft von kleineren Höfen zu fördern sowie die regionale Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu erhalten. Gute Lebensmittel sollen in der Region verbleiben. Die Initiative will Kostendruck und Wachstumszwang entgegenwirken.

In der Regionalwert AG schließen sich BürgerInnen, LandwirtInnen, VerarbeiterInnen zu einem Verbund zusammen. Die AG gibt regelmäßig Bürger-Aktien je 500 Euro aus. Das Geld investiert sie in regionale Betriebe, die ökologische Landwirtschaftsprodukte herstellen, verarbeiten, vertreiben oder im Gastgewerbe verkaufen. Außerdem werden die Betriebe zur Kooperation angeregt, zum Beispiel bei einem runden Tisch der Betriebsleiter der alle zwei Monate stattfindet, so sollen z.B. Überschüsse und Nebenprodukte sinnvoll verwertet werden.

Die Unternehmen verpflichten sich zu sozialen und ökologischen Standards. Insgesamt gibt es 64 solcher Nachhaltigkeitsindikatoren. Zu den ökologischen Nachhaltigkeitsindikatoren gehören Bodenfruchtbarkeit, Vielfalt von Landschaft, Nutzieren und Pflanzen und die Verwendung regionaler Ressourcen. Soziale Indikatoren beziehen sich z.B. auf Existenzgründung, Ausbildung und Integration sowie abwechslungsreiche Tätigkeiten für die UnternehmerInnen und Beschäftigten. Die Unternehmen haben die Pflicht, über die Nachhaltigkeitsindikatoren zu berichten, sie sollen offen und transparent wirtschaften. Außerdem sollen sie kooperativ im Verbund mit den anderen Unternehmen zusammenarbeiten. Das sind die unternehmerischen bzw. regionalen Indikatoren.

Auch die Rendite wird nicht nur finanziell gefasst, sondern sozial und ökologisch. Als Vorteile für die Aktionäre nannte Ulf Schönheim:

  • Transparenz, denn AktionärInnen kennen die Betriebe. Die Betriebe sind aufgefordert sich auf der jährlichen Hauptversammlung vorzustellen.
  • Das steigende Angebot guter Produkte aus der Region. Die AktionärInnen sind auch die Kunden der Betriebe.
  • Die breite Streuung der Anlage, da in viele kleine Betriebe investiert wird.
  • Förderung der regionalen Wertschöpfung und Investitionen in die Region, von denen letztlich die Allgemeinheit in der Region profitiert.

Bislang hat die Regionalwert AG Hamburg 230 Aktionäre, 954.000 Euro Grundkapital und 200.000 Euro investiert. Ihr größter Aktionär ist Umweltstiftung Greenpeace. Um den Einfluss von Großaktionären zu begrenzen haben die Aktionäre maximal 20 Prozent der Stimmrechte. Als Aktionär kann man noch einsteigen: Ab 17.09.16 werden weitere Aktien ausgegeben.

Der erste Partnerbetrieb der Regionalwert AG Hamburg ist der Biohof Koch aus Glüsingen, der eine breite Auswahl ökologischer Produkte erzeugt und auf regionalen Märkten verkauft. Der Hof Koch stellte als einer der ersten Betriebe in Deutschland bereits 1972 auf ökologische Landwirtschaft um. Nach dem Erbe des Großvaters wurde klar, dass es dem Hof wirtschaftlich schlecht geht: im Jahr 2011 musste die Nachkommen Flächen verkaufen und für viel Geld zurück pachten. Zwei Jahre später meldeten sie ein Insolvenzverfahren an. Im Jahr 2016 stieg die Regionalwert AG mit 200.000 Euro Investitionen ein. Nun ist geplant, die verkauften Flächen bis 2021 zurückzukaufen, weitere Gewächshäuser zu bauen, eine eigene Energieversorgung aufzubauen und Regionalwert-PartnerInnen mit den Bio-Produkten des Hofs zu beliefern.

Die Idee der Regionalwert AG kommt aus der Region Freiburg, wo das Projekt schon 2006 ins Leben gerufen wurde. Mittlerweile hat sie dort 650 Aktionäre.

In der Diskussion mit Ulf Schönheim ging es um verschiedene Fragen und Themen:

  • Unabhängigkeit der Betriebe: Ist es das Ziel, dass die Betriebe wieder unabhängig von externen Investitionen wirtschaften können?
    In das operative Geschäft der Unternehmen greift die Regionalwert AG nicht ein. Der Rückkauf der Anteile durch die Betriebe ist nicht der Plan der Regionalwert AG. Es ist allerdings denkbar und möglich für die Betriebe, Anteile zurück zu kaufen. Dann könnte die Regionalwert AG das Geld in andere Betriebe investieren. Die Betriebe, die ihre Anteile zurückgekauft haben, können sich weiter in der Kooperation des Verbunds beteiligen.
  • Ist die Solidarische Landwirtschaft nicht ein besseres Modell als die Regionalwert AG?
    Im Vergleich zum Modellder Regionalwert AG bietet die Solidarischen Landwirtschaft lt. Ulf Schönheim keine Existenzgarantie für einen Hofnachfolger (wie im Fall Biohof Koch) und sie ist nur für stadtnahe Betriebe und Höfe mit breiter Produktpalette geeignet. Soldarische Landwirtschaft bedeutet auch immer die intensive Kommunikation und Abstimmung mit der Wirtschaftsgemeinschaft – der Biohof Koch würde sich damit z.B. nicht „belasten“ wollen.
  • Warum sollte man investieren, wenn es hauptsächlich um eine ökologische und eine soziale Rendite geht? Aus der Perspektive der Landwirte: Wollen die Aktionäre wirklich etwas anderes als finanzielle Rendite, wenn nicht, könnte man dann nicht auch wieder zur Bank gehen?
    Ulf Schönheim sagte, dass das Wissen der AktionärInnen, dass ihr Geld sinnvoll arbeitet, viele motiviert. Sie haben Kontakt zu den Betrieben und wissen, wofür ihre Geld investiert wird. Die AktionärInnen sind selbst die Kunden der Betriebe. Die am häufigsten gestellte Frage sei, wo man die Produkte der Regionalwert-Betriebe kaufen könne. Je mehr Produkte aus der Region gekauft werden, umso besser geht es der Region.
  • Profitieren letztlich nur die, die Produkte verarbeiten und verkaufen?
    Ulf Schönheim betonte erneut den Kooperationsaspekt durch den Verbund, bei dem Landwirte und deren Interessen vertreten sind.
  • Was passiert, wenn ein Unternehmen Verluste macht oder Insolvenz anmelden muss?
    Das Risiko, dass AktionärInnen Geld verlieren, ist vorhanden. Das Risiko eines Totalverlusts sinkt allerdings mit wachsender Anzahl der Betriebe.
  • Regionalwert AG und GWÖ: Unterscheiden sich die Indikatoren?
    Auf den ersten Blick gibt es viele Ähnlichkeiten.

Link zur Website der Regionalwert AG Hamburg

 

Anschließend lockeres Beisammensein und weiterer Austausch in der „Gurke“.

 

Revisions

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